Hallo zusammen,
ich beschäftige mich gerade intensiv mit dem Thema Hybrid-Wärmepumpe für mein Haus – aktuell heize ich noch mit einem älteren Gaskessel. Die Idee ist, die WP als primäre Wärmequelle zu nutzen und den Gaskessel nur noch als Backup bei extremer Kälte laufen zu lassen.
Jetzt bin ich über den Begriff "Bivalenzpunkt" gestolpert und ehrlich gesagt blick ich da noch nicht ganz durch. Ich verstehe das Konzept grundsätzlich: Ab einer bestimmten Außentemperatur schafft die WP die benötigte Heizlast nicht mehr alleine, und dann springt der Gaskessel zu. Aber wie berechne ich diesen Punkt konkret für mein Haus?
Was ich weiß: mein Haus hat einen Jahresgasverbrauch von ca. 18.000 kWh, Baujahr 1988, keine Fußbodenheizung, normale Heizkörper. Vorlauftemperatur geht im Winter auf 65-70°C hoch, was ich weiß, ist für eine WP eigentlich nicht ideal.
Meine konkreten Fragen:
- Welche Daten brauche ich genau für die Berechnung?
- Gibt es eine Formel oder Tabelle, mit der man das selbst hinbekommt?
- Hat jemand das schon selbst gemacht oder sich da durchgekämpft?
Ich bin kein Ingenieur, aber ich kann mit Zahlen umgehen. Wäre super wenn jemand das mal Schritt für Schritt erklären könnte. Vielen Dank schon mal!
Markus
Markus, als Ingenieur der sich viel mit Wärmesystemen beschäftigt, kann ich dir da etwas Struktur geben.
Der Bivalenzpunkt berechnet sich formal so:
**Schritt 1 – Normheizlast ermitteln:**
Deine 18.000 kWh Gasverbrauch beinhalten auch Warmwasser, abzüglich ~10-15% sind es vielleicht 15.500 kWh reine Heizenergie. Die Vollbenutzungsstunden liegen bei einem Haus deines Baujahrs oft bei 1.600-1.900 h/a. Ergibt eine mittlere Leistung von ~8-10 kW. Die Spitzenlast bei Normausssentemperatur ist aber höher – Faktor 1,5 bis 2 wäre typisch, also grob 12-16 kW.
**Schritt 2 – Heizlastkurve zeichnen:**
Die Heizlast verhält sich linear zur Außentemperatur. Bei +15°C = 0 kW (Heizgrenze), bei -12°C = deine Normheizlast. Dazwischen linear interpolieren.
**Schritt 3 – WP-Leistungskurve drüberlegen:**
Jede WP hat im Datenblatt eine Leistungstabelle abhängig von Außentemperatur UND Vorlauftemperatur. Bei 65°C VL sieht das leider mager aus – viele Luft-WP liefern dann bei -7°C nur noch 50-60% der Nennleistung.
Der Schnittpunkt beider Kurven = Bivalenzpunkt.
Bei deinen VL-Temperaturen würde ich ehrlich sagen: der Bivalenzpunkt wird relativ hoch liegen, vermutlich um 0 bis +3°C. Das bedeutet, der Gaskessel muss im Winter sehr oft ran. Wirtschaftlichkeit dann genau prüfen.
Maximilian hat das mit der Förderung richtig angesprochen. Ergänzend dazu: Ich habe letztes Jahr bei einem ähnlichen Projekt geholfen, den Förderantrag durchzubringen, und da war die vom Fachbetrieb dokumentierte Heizlastberechnung inklusive Bivalenzpunkt Pflichtbestandteil der Unterlagen. Ohne das kein Geld.
Also wenn du das eh berechnen willst – lass es direkt vom Heizungsbauer offiziell dokumentieren, das kostet meist nichts extra wenn du den Auftrag gibst, und du hast gleich die Förderunterlagen parat.
Zur eigentlichen Frage: Ich hab in einem anderen Thread schon mal was zu Systemdokumentation geschrieben – grundsätzlich gilt: je besser die Ausgangsdaten, desto verlässlicher die Berechnung. Gasverbrauch allein reicht nicht.