Hallo zusammen,
ich plane gerade eine Wärmepumpe und bin dabei auf einen Punkt gestoßen, der mich wirklich beschäftigt: den tatsächlichen COP-Unterschied zwischen Neubau und Bestand.
Ich lese überall Zahlen von JAZ 3,5 bis 5,0+ für Neubauten und gleichzeitig werden bei Bestandsgebäuden oft nur 2,8 bis 3,5 genannt. Aber woher kommen diese Unterschiede konkret? Ist es wirklich primär die Vorlauftemperatur, also weil Altbauten höhere Temperaturen brauchen? Oder spielen da auch andere Faktoren rein wie z.B. das Heizsystem selbst, die Dämmqualität, die Anlagenregelung?
Ich frage, weil ich gerade zwischen zwei Optionen stehe: Entweder kaufe ich ein Bestandshaus (Baujahr ca. 1985, teilsaniert) oder wir bauen neu auf einem Grundstück, das wir gefunden haben. Der Energiebedarf und die laufenden Kosten spielen für meine Entscheidung eine echte Rolle, und ich will nicht mit Phantasiezahlen aus Hochglanzprospekten rechnen.
Bei einem Bekannten läuft seit zwei Jahren eine Luft-WP im Altbau, und der ist nicht so zufrieden – er erreicht laut seinem Energiemonitor im Winter selten über 2,8. Ein Neubau in der Straße daneben kommt auf über 4,2. Das ist ein riesiger Unterschied wenn man das mal auf die Jahresstromkosten hochrechnet.
Hat hier jemand echte Messwerte aus beiden Szenarien, oder kann erklären was diesen Gap wirklich verursacht? Würde mich über konkrete Zahlen freuen, nicht über theoretische Idealwerte.
Der Haupttreiber ist tatsächlich die Vorlauftemperatur – das ist keine Vereinfachung, das ist Physik. Grob gesagt verliert eine Wärmepumpe pro 10 Kelvin höhere Vorlauftemperatur etwa 2,5 bis 3 Prozentpunkte COP. Ein Altbau mit Radiatoren braucht im Winter oft 55–65°C Vorlauf, ein Neubau mit Fußbodenheizung kommt mit 30–38°C aus. Das erklärt allein schon einen Großteil des Gaps.
Dazu kommen aber noch andere Punkte, die in der Praxis oft unterschätzt werden:
1. Hydraulischer Abgleich: Fehlt der im Altbau, taktet die WP ständig und der reale JAZ bricht ein. Hab das in einem Thread zur Heizlastberechnung schon erwähnt – wer das ignoriert, rechnet sich arm: Heizlastberechnung 2026: Welche Software ist aktuell empfehlenswert?
2. Gebäudehülle: Schlechte Dämmung bedeutet höherer Wärmebedarf, die WP läuft länger und öfter auch bei extremen Außentemperaturen – also genau dann, wenn der COP sowieso schon im Keller ist.
3. Anlagenregelung und Hersteller-Setup: Viele Bestandsanlagen sind zu konservativ eingestellt, die Heizkurve steht auf Werte, die eigentlich nicht nötig wären.
Dein Beispiel mit 2,8 vs. 4,2 klingt plausibel. Das ist kein Ausreißer, das ist eher typisch wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht – also nicht sanierter 85er-Bau gegen aktuellen KfW40-Neubau.
Was ThomasB oben schreibt stimmt soweit, aber ich würd trotzdem einen Punkt ergänzen den viele vergessen: Die JAZ-Werte aus Monitoringsystemen privater Nutzer sind oft nicht wirklich vergleichbar. Wird die WP fürs Warmwasser mitgezählt? Gibt es Notstrombetrieb im Ausnahmefall? Ist der Sensor richtig kalibriert?
Ich hab das in meinem eigenen Projekt gemerkt – die ersten Werte die mein System ausgespuckt hat waren schlicht falsch konfiguriert, Warmwasserbereitung fehlte komplett in der Berechnung. Nach Korrektur sah die JAZ auf einmal deutlich realistischer aus.
Kurz gesagt: Der strukturelle Unterschied zwischen Neubau und Bestand ist real und erheblich, da sag ich nix dagegen. Aber lass dich von Einzelwerten einzelner Nutzer nicht zu sehr leiten – die Streuung ist enorm, auch innerhalb der gleichen Gebäudeklasse. Schau lieber auf statistisch belastbare Quellen wie die Fraunhofer-Feldstudien, da hast du wenigstens Methodenkonsistenz.