Hallo zusammen,
ich bin nach einer langen Pause von gut 8 Jahren wieder hier im Forum aktiv – damals ging es bei mir noch um ganz klassische Gasheizungen, jetzt stehe ich vor einem Neubau und die Wärmepumpe ist für mich gesetzt. Aber bei meiner Recherche bin ich auf ein Thema gestoßen, das mich ehrlich gesagt etwas überfordert hat: Die Nutzung von Wärmepumpen als sogenannte Regelenergie im Stromnetz.
Das Grundprinzip habe ich grob verstanden – bei Netzüberschuss läuft die WP auf Hochtouren und lädt Pufferspeicher oder Warmwasser, bei Knappheit wird sie gedrosselt oder abgeschaltet. Klingt im ersten Moment clever. Aber wie praxistauglich ist das wirklich, gerade im Sommer, wenn der Heizbedarf eh minimal ist?
Mich interessiert besonders: Welche technischen Voraussetzungen brauche ich dafür im Neubau? Lohnt sich die Infrastruktur (Smartmeter, Steuereinheiten usw.) von Anfang an mitzuplanen, oder ist das noch zu unreif für den Einsatz in einem normalen Einfamilienhaus? Und welchen Effekt hat das auf die JAZ, wenn die WP nicht mehr nach eigenem Optimum läuft, sondern nach Netzvorgaben?
In meinen alten Forenzeiten war JAZ noch kaum ein Thema – heute lese ich überall von Werten über 4,0 bei Neubauten. Habt ihr Erfahrungen, ob das in der Praxis auch so ankommt, oder bleiben die Netzbetreiber-Eingriffe ein zu großer Unsicherheitsfaktor?
Freue mich auf eure Einschätzungen!
Stefan
Von meiner Seite kurz: Als jemand der gerade selbst plant (Hybrid, Fußbodenheizung, das ganze Programm) würd ich sagen – mach dir im Neubau erstmal keine zu großen Gedanken über Regelenergie. Stell sicher dass die Basics stimmen: Heizlastberechnung, ordentliche Hydraulik, dann kommt der Rest von alleine. Alles andere ist aktuell noch Zukunftsmusik für den Normalbürger.
Ich bin da ehrlich gesagt skeptisch, was die ganze Regelenergie-Romantik angeht. Das wird seit Jahren als nächste große Sache angekündigt, aber in der Praxis für Einzelhaushalte? Bisher kaum mehr als Pilotprojekte.
Was mich stört: Der Nutzen liegt primär beim Netzbetreiber, das Risiko (schlechtere JAZ, mehr Verschleiß durch erzwungene Taktung) trägt der Hausbesitzer. Ich hab ähnliche Erfahrungen im Altbau gemacht – wenn externe Vorgaben die Anlage aus dem optimalen Betriebsfenster drängen, merkst du das an den Daten. Und an der Heizkörperwärme, oder in deinem Fall Fußboden.
Für einen Neubau würde ich die Infrastruktur einplanen – ja, das macht Sinn. Aber nicht mit der Erwartung, damit kurzfristig Geld zu verdienen oder die Energiewende zu retten. Erstmal schauen, dass die eigene Anlage vernünftig läuft und die JAZ-Versprechen auch wirklich eingehalten werden. Das ist schon genug Arbeit.
Hallo Stefan,
ich kann dazu ein paar Zahlen beisteuern. Meine Luft-Wasser-WP läuft seit 2021 und ich verfolge die Daten akribisch in Excel. Was den JAZ-Effekt durch externe Eingriffe angeht: Ich hatte im ersten Jahr testweise am Abschaltprogramm meines Netzbetreibers teilgenommen (§14a EnWG, damals noch freiwillig). Die Auswertung hat gezeigt, dass die JAZ über die Heizperiode um ca. 0,15 Punkte schlechter war als im Folgejahr ohne Eingriffe – bei identischen Außentemperaturen.
Der Grund ist simpel: Die WP wurde teils zu Zeiten hochgetaktet, die thermodynamisch ungünstig waren. Morgens um 6 Uhr ist die Außentemperatur tiefer als mittags, also schlechterer COP. Wenn der Netzbetreiber genau dann Überschuss loswerden will... na ja.
Für den Neubau würde ich trotzdem sagen: SG-Ready unbedingt einplanen, das ist Standard und kostet fast nichts. Aber die Steuerlogik sollte priorisiert bei dir liegen, nicht beim Netzbetreiber. Ich hab dazu im Smart-Home-Steuerung Thread mein Setup beschrieben, vielleicht hilft das als Einstieg.
JAZ über 4,0 im Neubau ist absolut realistisch, das bestätige ich aus eigener Erfahrung – aber nur wenn die Anlage sauber hydraulisch abgeglichen ist und nicht fremdgesteuert suboptimal läuft.
Interessantes Thema. Ich hab mich mit Lastverschiebung per Zeitprogramm vs. Smartmeter schon intensiv beschäftigt und dabei einige Messdaten gesammelt.
Zum Kern deiner Frage: Wärmepumpen als Regelenergie im engeren Sinn – also aktive Teilnahme an Primär- oder Sekundärregelleistungsmärkten – ist für Einzelhaushalte derzeit noch nicht wirtschaftlich darstellbar. Die Präqualifikationsanforderungen der Übertragungsnetzbetreiber sind für EFH schlicht nicht erfüllbar.
Was realistisch ist: Virtuelle Kraftwerke über Aggregatoren, da bündeln sich mehrere hundert WP zu einem steuerbaren Pool. Technisch funktioniert das, erste Anbieter gibt es schon. Für dich als Neubauer bedeutet das: SG-Ready Stufe 3 und 4 einplanen, kommunikationsfähige WP wählen (offene Schnittstellen, kein proprietäres geschlossenes System), und dann abwarten welcher Anbieter in 2-3 Jahren ein vernünftiges Hausstromprodukt dafür hat.
Die JAZ-Frage ist dabei nicht trivial. Meine Messungen zeigen, dass erzwungene Laufzeiten außerhalb des thermodynamischen Optimums durchaus 5-10% Effizienzeinbuße bringen können. Ob das durch eventuelle Vergütungen kompensiert wird, hängt von der konkreten Ausgestaltung ab – da gibt es noch keine validen Langzeitdaten für den deutschen Markt.
JAZ über 4,0 im Neubau ist bei sauberem Systemdesign und niedrigen Vorlauftemperaturen keine Utopie. Das solltest du unabhängig vom Regelenergie-Thema als Ziel ansetzen.