Hallo zusammen,
nachdem ich jetzt schon seit Wochen Angebote vergleiche und Prospekte lese, stehe ich vor einer Entscheidung, bei der ich mir wirklich nicht sicher bin.
Wir haben ein Einfamilienhaus Baujahr 1987, gut gedämmt (Dämmung 2011 gemacht), überall alte Stahlplatten-Heizkörper von Runtal, zum Teil noch original. Gasheizung soll raus, Luft-Wasser-WP soll rein – das steht fest.
Nun sagen mir die Installateure sehr unterschiedliche Dinge. Einer meint, die alten Heizkörper können bleiben wenn wir die Vorlauftemperatur auf 50-55°C auslegen (er will wohl größer dimensionieren). Ein anderer sagt, wir sollten alles rausschmeißen und Niedertemperatur-Flächenheizkörper einbauen, sonst ist der COP mies.
Jetzt ist Sommer und man könnte das natürlich gut machen ohne die Heizung zu brauchen – aber ich will keine voreiligen Entscheidungen treffen.
Meine Fragen:
- Kann man wirklich abschätzen, ob die alten Heizkörper bei 45-50°C noch ausreichend Wärme abgeben?
- Oder ist der Komplettaustausch der einzig sinnvolle Weg?
- Gibt es Möglichkeiten die Heizkörper gezielt nachzurüsten (z.B. Ventilatoren dran) ohne komplett zu tauschen?
Das Haus hat ca. 160qm beheizte Fläche, 4 Räume mit Heizkörpern, Bäder haben Handtuchheizkörper.
Vielen Dank schon mal!
Kurz aus eigener Erfahrung: Ich hab letztes Jahr genau das durchgemacht, Altbau, alte Plattenheizkörper, neue LW-WP. Am Ende mussten wir nur 2 von 6 Heizkörpern tauschen. Die anderen liefen problemlos bei 47°C Vorlauf durch. Hat sich deutlich gelohnt das vorher durchzurechnen statt alles rauszuwerfen.
Ich bin da ehrlich gesagt skeptischer als Stefan. Die Frage ob alte Heizkörper 'ausreichen' wird oft zu optimistisch beantwortet, weil die Handwerker halt nicht alles rausreißen wollen (Aufwand) oder weil der Kunde das nicht bezahlen will.
Problem: Bei 50°C Vorlauf ist der COP einer Luft-WP im Winter schon nicht mehr besonders berauschend. Wenn's dann noch kälter wird und du auf 55°C gehen musst, wird's richtig teuer. Ich hab mich in anderen Threads hier schon oft zum Thema JAZ geäußert – die echten Jahresarbeitszahlen die Leute mit alten HK und 50°C+ Vorlauf erzielen, sind deutlich schlechter als die Versprechen der Planer.
Die Ventilatorkonvektoren die du ansprichst sind eine Option, können aber laut werden und die Installation ist auch nicht trivial. Würde ich nur als Notlösung sehen wenn einzelne Räume wirklich nicht anders lösbar sind.
Mein ehrlicher Rat: Wenn du das eh im Sommer machst, rechne durch was kompletter Tausch auf Niedertemp-Heizkörper kostet. Bei 4 Räumen plus Bäder bist du vielleicht bei 6000-9000€ – das kann sich über die Laufzeit lohnen wenn du dadurch auf 40°C Vorlauf runterkommst.
Das ist eine Frage die ich mir beim Umstieg auch gestellt hab – und kurz gesagt: es kommt wirklich auf die konkrete Situation an, pauschal kann man das nicht beantworten.
Die entscheidende Kennzahl ist die Heizlast des Raumes und die Nennleistung des jeweiligen Heizkörpers bei der ursprünglichen Auslegungstemperatur (meistens 70/55°C oder 75/60°C). Diese Leistung sinkt bei 50°C Vorlauf erheblich – grob gesagt verliert ein auf 70/55 ausgelegter Heizkörper bei 50/35°C etwa 40-50% seiner Nennleistung.
Wenn dein Haus 2011 ordentlich gedämmt wurde, ist die Heizlast aber wahrscheinlich deutlich gesunken seit der Auslegung der alten Heizkörper. Daher kann es gut sein, dass die alten Körper trotzdem ausreichen.
Mein Tipp: Lass eine ordentliche Heizlastberechnung nach EN 12831 machen, raumweise. Dann weißt du für jeden Raum ob der alte HK ausreicht. Das kostet ein bisschen, spart dir aber im Zweifel tausende Euro an unnötigem Tausch. Ich hab dazu auch mal was im COP/SCOP-Thread geschrieben – der Zusammenhang zwischen Vorlauftemperatur und Effizienz ist da gut erklärt.
Zur Frage der Heizlastberechnung – das ist absolut der richtige Ansatz, dem Stefan schon erwähnt hat. Ohne raumweise Berechnung stochert jeder im Nebel.
Ich arbeite viel mit Mehrfamilienhäusern (da ist das nochmal komplexer, wie ich in anderen Threads beschrieben hab), aber das Prinzip gilt genauso im EFH: Erst messen/rechnen, dann entscheiden.
Was ich ergänzen möchte: Beim Baujahr 1987 mit Dämmung 2011 solltest du unbedingt prüfen welche U-Werte die Außenwände jetzt haben und ob Fenster getauscht wurden. Das macht einen Riesenunterschied. Ein Haus das 1987 für 75°C Vorlauf ausgelegt wurde und 2011 auf modernen Standard gedämmt wurde – da sind die alten HK häufig überdimensioniert und funktionieren problemlos bei 50°C.
Die 40-50% Leistungsabfall die Stefan nennt stimmen grob, aber der genaue Wert hängt auch von der Heizkörper-Bauform ab (Platten mit Konvektionslamellen verlieren etwas weniger als glatte Radiatoren).
Ein seriöser Installateur macht dir diese Berechnung vor dem Angebot – wer das nicht macht, würde ich aussortieren.